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Selbstgespräch anlässlich der Ausstellung

 

Die Macht der Gefühle

im

Museum Angerlehner 2021

 

Du bist Textilkünstlerin, aber du kommst aus der Malerei. Wie waren deine Anfänge?

 

Ich sehe mich in erster Linie als Malerin. Ich komme von der expressionistischen Malerei. Hab bei Werner Liebmann in Berlin Weißensee studiert. Am meisten hat mich Kokoschka inspiriert - mit seinem genauen Auge und seinem spontanen Pinselauftrag.

 

Anfangs versuchte ich vor allem das Auge zu schulen und die Erscheinungsformen der sichtbaren Welt zu schätzen. Alles ist faszinierend, wenn man es genau ansieht. Es ist ein Wunder, was Licht und Schatten zum Erscheinen bringen.

 

Am liebsten reibe ich mich an den Malern, die von der sichtbaren Welt ausgehen und sich kunstvoll von ihr lösen. Sei es ein Braque, ein Picasso, ein Matisse oder Cezanne, aber auch eine Joan Mitchell oder ein Per Kirkeby, ein Dubuffet oder eine Maria Lassnig. Auf deren Schultern steh ich.

 

Es galt also zuerst die Malereigeschichte aufzusaugen und zu verdauen.

 

Dann bin ich durch das wunderbare Stoffland in Oberwart gewandert und so kam die Frage auf, kann ich nicht die Malerei mit meiner ursprünglichen Berufung verbinden? Ich bin ja gelernte Damenkleidermacherin.

 

Da tat sich plötzlich eine Welt auf. Je mehr ich mit den Stoffen arbeitete, desto klarer wurde mir, dass die gesamte Geschichte der Malerei in die Welt der Stoffe eingewandert ist. All die großen Maler sind aus den Museen und Galerien in die Kleiderkästen und Wohnlandschaften übergewechselt wie in ein Paralleluniversum. Dort arbeiten sie an der Gestaltung von Küchenschürzen, Kinderbettwäschen, Schlafzimmervorhängen, Eckbanküberzügen oder Abendkleidern. Mit meinen Arbeiten hole ich sie wieder heim.

 

Beziehst du deine Stoffe nur aus dem Stoffland?

 

Nein. Alles was mir in die Quere kommt, wird verwendet. Ich gehe in Secondhandgeschäfte, hab meine Polsterer, die mir ihre Reste und Musterlaschen überlassen. Es kommt schon einmal vor, dass ich einer Freundin sage, dein Leiberl ist schön, so inspirierend, heb es mir doch bitte auf, wenn du es ausmusterst...

 

Wie war der Mediumswechsel? Wie kann man sich das vorstellen, mit Stoffen malen?

 

Begonnen hab ich mit einfärbigen Stoffen. Es zeigte sich, dass ich die Pinselstriche, mit denen ich sonst ein Lächeln darstelle, einfach aus Stoff ausschneiden und mit Nadel und Faden einfangen kann, wie ein Kokoschka an der Nähmaschine.

 

Erst später traute ich mich über die gemusterten Stoffe drüber. Was für ein Abenteuer! Wie gesagt, es taten sich Welten des verschiedensten Farbauftrags auf.

 

Du verwendest ja verschiedenste Stoffe...

 

Ja, je unterschiedlicher, desto besser. Ich liebe sie alle, die groben Polstermöbelstoffe, die bunten Jerseys, die durchscheinenden Voiles... Sie sollen alle mitspielen.

 

Und doch muss diese disparate Truppe in der Lage sein, eine Geschichte zu erzählen und ein einheitliches Ganzes zu erzeugen.

 

Du hast dich, nach Stoffportraits, Stofflandschaften und Nacktstücken, mit Vittore Carpaccio auseinandergesetzt. Wie kam es dazu?

 

Auf der Suche nach komplexeren Sujets stieß ich in Venedig auf Vittore Carpaccios Scuola di San Giorgio degli Schiavoni. Das ist ein fensterloser Andachtsraum im Osten von Venedig, den Carpaccio mit neun wuchtigen Gemälden ausgestattet hat.

 

Auftraggeber waren Ortsfremde, Slawen, die auf venezianischen Schiffen und in den Werften schufteten. Die Bilder zeigen die Metamorphose des Rabenschwarzen in ihrem Leben. Erst ist es ein menschenfressender Drache, der niedergemetzelt wird, dann ein gedemütigter Drache, der rituell enthauptet wird, dann ein Dämon, der ausgetrieben wird, ein verletztes Raubtier, das in menschliche Obhut genommen wird und schließlich ein Hündchen, mit dem man zusammenlebt.

 

Die Bildkompositionen sind erstaunlich. Man kann sich gar nicht sattsehen. Immer wieder gibt es Details, die ich übersehen habe. Er ist ein Maler, von dem man viel lernen kann.

 

Nachdem ich mich dem Zyklus zweimal ganz vorsichtig genähert und ihn durchgenäht hab, reizte es mich auch meine Gefühle einzubringen.

 

Deshalb die großen Formate: um genug Spielraum dafür zu haben.

 

Für diese Ausstellung habe ich mich immer wieder in den Bildraum hineingezaubert, um meine Gefühle zu zeigen, Einspruch zu erheben, je nachdem.

 

Die kommende Ausstellung trägt den Titel: "Die Macht der Gefühle"

Was erwartet uns?

 

Ansatzpunkt der meisten Bilder war ein Carpaccio. Man wird fast überall Versatzstücke von ihm sehen. Mal mehr, mal weniger. Manchmal habe ich überhand genommen. Dann ist nicht viel von ihm übrig geblieben. Dann sind die Gefühle mit mir durchgegangen.

 

Deshalb "Die Macht der Gefühle".

 

Mir gefällt die Vorstellung mancher Philosophen, die Gefühle seien objektiv im Raum vorhanden. Damit habe ich gespielt.

 

Das erste Gefühl, das man in der Ausstellung antrifft, ist hoch oben im Lichthof ein Bedauern. Ein Bedauern darüber, dass der große Drachentöter auf lange Sicht nur den ersten Schritt in Richtung Artensterben gemacht hat. Da ist der Drache, der Ahnherr der Singvögel, denen nun langsam, wie man hört, die Insekten ausgehen.

 

Damit zusammen hängt der Terrorquilt auf der Stiege, den ich wie eine weich gefütterte Decke über diese Zusammenhänge werfen wollte, in dem unbescheidenen Versuch, alles wieder gut zu machen.

 

Oder in einem Bild im Salon sitze ich wie eine gebückte Riesin in einem Puppenhaus der Renaissance und versuche mich darin abzulenken. Und wie es scheint, funktioniert das prächtig.

 

Du stellst auch eine Twitter-Skulptur aus. Erzähl mehr davon.

 

Die hab ich praktisch mit ihrem Namen aus der Nähmaschine herausgezogen: "Neulich in der Konditorei, als ich nach einem Tweet von Donald Trump auf die Idee kam, meine Verstörung in ein Bild zu verwandeln." Das sagt ja schon alles.

 

Dann gibt es da noch ein Matratzenbild mit dem Titel "Ich will, dass ihr in Panik geratet"...

 

Das ist selbstverständlich ein Zitat von Greta Thunberg. Im Lichte ihrer Botschaft ist das Bild zu betrachten. Du wirst sehen, was es da zu entdecken gibt: eine vom Meeresspiegel bedrohte Renaissancestadt, seltsamer Müll im Meer und eine selbstvergessene, heitere Gesellschaft...

 

Portraits sind ein immer wiederkehrendes Element in deinen Arbeiten. Was fasziniert dich daran?

 

Ich hab 2000-2001 mit Portraitserien begonnen. Es faszinierte mich, wie schnell sich ein Ausdruck verändert. In Bruchteilen einer Sekunde durchziehen einen verschiedenste Gefühle, durchläuft man, wie die Psychologen sagen, verschiedenste "Egostates".

 

Ein Portrait war nie genug. In meiner Arbeit Gefühlshaushalt, lasse ich drei Menschen, die dem ständigen Wechsel der Gefühle unterworfen sind, aufeinander einwirken. Freuden und Ängste prallen von einem Kopf ab, werden vom anderen geschluckt, verstärkt und weitergegeben.

 

Eine andere interessante Arbeit ist die Besenkammer, die aus Köpfen und Satinband besteht. Wie bist du da vorgegangen?

 

Hier ist das Serienportrait abgewandelt. Es erstreckt sich in der Vertikalen. Doch hier sind es nicht mehr Portraits der Hauptperson, sondern andere Gesichter, die den Körper besiedeln. Die Köpfe, die die Oberhand haben, sind guter Dinge, weil sie gerade das Sagen haben. Aber sie können jederzeit rausfliegen und von viel dunkleren Köpfen ersetzt werden, die unter ihren Hälsen lauern. Es ist der Versuch darzustellen, dass man oft von Gefühlen überkommen wird, die einem fremd sind, die scheinbar gar nicht zu einem passen - und doch besuchen sie einen von Zeit zu Zeit.

 

Mein Bild Mantenere lo stato ist der weibliche Versuch einer machiavellistischen Selbstbehauptung. Da ist das große Portrait, das Sicherheit gibt.  Aber da ist auch diese wuselnde Menge anderer Gesichter, die sich auch angeboten hätten - angesichts der Gefahr, die die Form eines schreienden Kamels angenommen hat.

 

Oder mein neuestes Bild Rendezvous mit einem Kopfmenschen. Da treffen Organisationsformen aufeinander. Da ist das Kopflastige, das über Perspektiven verfügt, sich aber nur zaghaft bewegen kann. Und andererseits diese wuselnde Menge von Emotionen, Verwandtschaften und Aufgeregtheiten...

 

Es geht also darum, ein Menschenbild zu entwickeln, das meiner inneren Realität gerecht wird. Auf der Twitter-Skulptur zB. zerfällt mein Portrait in ein dreifaches. Einmal in mein Alterego, in das der Schreck gefahren ist, in einen Narren, der außer sich gerät, und dann in eine Bauchrednerpuppe, die versucht das Geschehen zu sublimieren.

 

Auf dem Bild Die Freude fällt dem Bösen in den Rücken gibt es kein Portrait mehr. Da wird nur mehr das Aufeinandertreffen gegenläufiger Gefühlsausbrüche gezeigt.

 

Ein Bild heißt Die Entdeckung Carpaccios...

 

Vittore Carpaccio ist wie ein unbekanntes Land. Sein Personal ist mir fremd, seine Themen völlig unzugänglich. Ich komme da mit meinem Schiff wie Kolumbus in der Renaissance an. Freue mich mitzuspielen. Doch was passiert mit dem Objekt des Interesses? Ich bringe meine Thermoskanne mit, denn ich bin auf meiner Reise durstig geworden. Und man darf ja wohl noch etwas trinken! Mein Körper ist riesig und voller unsichtbarer Krankheitserreger...

Ich habe keinen blassen Tau, in was ich da hineingeplatzt bin. Völlig profan sitze ich da und amüsier mich.

 

Es ist wie das Dilemma aus Traurige Tropen. Ich will erforschen, bewundern und mitspielen, bring aber Thermoskannen und tödliche Krankheiten mit.

 

Die Kunstgeschichte, die wir alle in den Museen suchen, ist ein Elexier, von dem wir gerne kosten möchten. Aber sind wir heute im 21 Jh. in der Lage ihr uns so zu nähern, dass wir ihr wirklich nahe kommen?

 

Verstehe mich nicht falsch, ich liebe diese Bilder. Es ist eine ständige Inspirationsquelle. Aber ich kann nicht anders, als mich mit meiner ganzen Geschichte zu nähern. Wir Menschen meinen es nicht böse, aber wo wir hinkommen stellen wir alles auf den Kopf.

 

Worauf Greta Thunberg aufmerksam macht...

 

Genau. Wir sind eine selbstvergessene Gesellschaft, die in Kauf nimmt, dass das Plastik, das so praktisch ist, mittlerweile in allen Meereslebewesen zu finden ist.

 

Diese Bilder machen mit einem Blick solche komplexe Zusammenhänge erfahrbar. Das ist das Spannende an der Malerei.

 

Wie bei dem Bild "Das ist ja keine Lösung".

 

Es wird sofort klar, dass da etwas Monströses im Gang ist. Wieder faszinierte mich dieses 500 Jahre alte Gemälde von Carpaccio. Ich hab mich einfach in den Drachenkampf hineingeschummelt. Denn unsere Zeit ist eine andere. Die Kinder des 21 Jh. leiden unter dem rasanten Artensterben, das wir Zivilisierten auf den Weg gebracht haben.

 

Es war ja gut gemeint. Der Georg wollte ja nur die Prinzessin retten. Das tut er auch; aber er beginnt damit auch eine Ausrottungskampagne, deren Folgen wir zu tragen haben.

 

Die ersten Arbeiten mit Carpaccio waren eher eine 1 zu 1 Übertragung. Dein malerischer Umgang mit diesen Meisterwerken ist freier geworden...

 

Durch die Stoffe gibt es immer schon eine Verfremdung. Aber ich versuche auch, mir ein Vorbild an Thelonious Monk zu nehmen. So wie er stets einen Song, vielleicht schon einen alten, nimmt und sich ihm schräg nähert, - mit Zeitverzögerungen, Unbeholfenheit, mit Vorbehalten und Übermut, - so versuche ich mich Carpaccio zu nähern.

 

Ich habe zusehens Lust, die Malereigeschichte der letzten hundertdreißig Jahre mithineinspielen zu lassen. Aber immer soll der Anfang meiner Art von Malerei, der in der Renaissance liegt, durchscheinen und zu spüren sein, so wie bei Thelonious Monk der ursprüngliche Song stets anklingt.

 

Denn ich habe gar nichts am Hut mit dem Credo von Silicon Valley Move fast and break things.

 

Alles immer zum Schweigen zu bringen und so zu tun, als gäbe es nur die neuesten Techniken, ist eine Krankheit des 20. Jh. Ich gehe da anders vor. Für mich gilt z.B.: der Kubismus ist ein altes Lied, das ich nicht missen möchte!

 

Im 20. Jh. wurden so viele neue Techniken hervorgebracht. Es ergaben sich so viele neue Arten, Farbe aufzutragen, so viele neue Erkenntnisse über das Tafelbild. Den verschiedenen Techniken war nur eine kurze Spanne Zeit geschenkt, dann verloren sie an Kraft und zogen sich zurück.

 

Ich besuche sie gern wieder, diese alten Techniken, und ermögliche ihnen einen kleinen Gastauftritt.

 

Außerhalb der Kunst macht einem das ja Angst. Ich denke da nur an das Comeback des Faschismus ausgerechnet im Weißen Haus. Aber solche Zusammenhänge versuche ich mir mit allen Mitteln der Kunst vor Augen zu führen, um sie mir zu merken.

 

Es bedarf einer neuen Ökologie. So wie wir begriffen haben, dass Insekten, und seien sie noch so lästig, Errungenschaften sind, die uns bitter fehlen, wenn wir sie ausmerzen und wir also mit ihnen zusammenleben müssen, wir aber auch die Segnungen der Pestizide nicht verleugnen dürfen - so will ich einen Weg finden, die divergierensten Konsequenzen der Malereigeschichte zu vereinbaren, auch wenn sie von so gegensätzlichen Künstlern kommen wie einem Carpaccio, einer Helen Frankenthaler, einem Sigmar Polke, einem Tiepolo, einem Willem de Kooning oder einer Maria Lassnig, um nur ein paar Beispiele zu nennen...

 

Hat deine Arbeit etwas mit Steampunk zu tun?

 

Hm. Das ist eine interessante Frage: Kann man die Zukunft aus der Perspektive der Vergangenheit beleuchten? - Tue ich das? - Vielleicht. - Mein Interesse gilt den gegenwärtigen Fragestellungen. Wie sich bei den großen Bildern gezeigt hat, ist es aufregend, mit der Vergangenheit anzufangen und dann sukzessive die Gegenwart akut werden zu lassen. Dadurch ergeben sich Fragestellungen und Aussagen über die Gegenwart, die mich selbst überraschen, was die Arbeit so spannend macht. Es ist wie ein allmähliches Verfertigen der Gedanken beim Malen. Meine ursprünglichen Skizzen sind immer nur Ausgangspunkte. Das fertige Bild ergibt sich stets aus dem offenen Arbeitsprozess...

 

 Stichworte zur Ausstellungseröffnung

 

Die Macht der Gefühle

im 

Museum Angerlehner

 

 

Es begann in Graz, Stadt der Volkserhebung, neuerdings StalinGraz. Lilly Hagg hat an einer Mozartoper als Kostümbildnerin hospitiert, dann ging’s ab ins karge Ostberlin, wenige Jahre nach dem Fall der Mauer, Studium der Malerei in Berlin Weißensee, wo Brecht gewohnt und sich das Gespenst des Kommunismus gerade totgelaufen hatte.

 

Vom Gespenst zum Gespinst, zu den Geweben, den Stoffen. Wie das?

 

In Weißensee lernt sie die Malerei im Geiste Kokoschkas und sobald sie sie beherrscht, lässt sie sie bleiben, um sie neu in Angriff zu nehmen mit anderen Farben und Pinseln.

 

Nachdem sie gesehen hat, wie Maler mit der Flex auf ihre Leinwände losgehen, um Oberflächen zu erzeugen, die wie abgelebte Polstermöbel aussehen, weiß sie, was sie zu tun hat.

 

Statt Eitempera und Pigmente nimmt sie bunte, gemusterte Stoffe, aus denen sie die Pinselstriche herausschneidet.

 

Eine eigene Art von Renaissance: Rückkehr zur Schneiderei!

 

Und das heißt: Eine Ausstellung wird einem Gebäude angepasst wie ein Kostüm. Sie ist eine Liebeserklärung an einen Baukörper. Sie spielt mit seinen Ecken und Kanten, Stiegenhäusern und Lichthöfen. Sie nimmt es mit ihnen auf.

 

Erst kommen die Maße des Raumes, der ausgestellt werden soll. Danach bemisst sich die Größe der Matratzenbilder und Stoffskulputren.

 

Die Anprobe ist der Höhepunkt - wenn die Bilder und Skulpturen mithilfe des Haustechnikers anprobiert werden und es passt, lebt, strahlt.

 

Und fortlebt über die Ausstellung hinaus in einem Buch, dessen Rhythmen sich der Form dieses Gebäudes hier verdankt, dem Geist dieses Gebäudes.

 

Ein schwacher Trost, weil die Räume fehlen, aber immerhin.

 

Gespenst, Gespinst, Geist.

 

Zum Geist der Renaissance, der durch diese Ausstellung geistert, wird später noch der Pochart ein paar Worte sagen.

 

 

 

Eröffnungsrede zur Ausstellung

 

Tuchfühlungen

Museum Innviertler Volkskundehaus

in Ried im Innkreis 2018

 

            Doppelt solang, als ich male, ist es her, dass ich das Rieder Gymnasium verlassen habe, um in Wien die Schneiderei zu erlernen, die in den Arbeiten, die Sie sehen werden, so unverhofft fröhliche Urständ feiert. Denn ich habe mich, nach Jahren der in Ostberlin erarbeiteten und hauptsächlich von Kokoschka inspirierten Malerei, entschlossen, die Staffelei zwar beizubehalten, aber den Pinsel und die dünnflüssigen Eitempera-Farben sein zu lassen und zu Nadel, Nylonfaden und schwerer Schneiderschere zurückzukehren - um anzuschließen an die bis zu einem selbstgemachten Teddybären zurückreichende Liebe zur Schneiderei. Eine Rückkehr zu den Wurzeln, könnte man sagen.

 

Berge von Stoffen mit unterschiedlichsten Mustern und Ornamenten türmen sich seitdem in meinem Atelier. Aus ihnen schneide ich jetzt die Pinselstriche aus, die ich auf die Leinwand nadle, bevor ich sie meiner alten Bernina-Nähmaschine unterziehe.

 

Angenommen, ich hätte mir nicht die Welt der Stoffe, sondern bemaltes Porzellan, von dem in meiner Kindheit auch viel vorhanden war, zum Ausgangsmaterial genommen, dann hätte ich, anstatt zur Schneiderschere, zu einem Hammer greifen müssen, um aus Scherben Bilder zusammenzufügen, aus Teeservices und heiligen Suppenschüsseln.

 

Ich male mit Stofffleckerln, was nur ein leises Geräusch erzeugt, ein Flüstern und Knistern, und entnehme die Farbflecken, die ich brauche, den Stoffen, die ich gesammelt habe. So als wären alle Pinselstriche in ihnen enthalten und ich bräuchte sie nur herauszuklauben: die Zehen der Proserpina oder die um Hieronymus trauernden Mönche.

 

Ich habe die Arbeiten, die Sie sehen werden, "Tuchfühlungen" genannt.

 

Da ist zunächst Vittore Carpaccio, dem ich mit den unterschiedlichsten Geweben und Mustern auf den Leib rücke, um Kontakt mit ihm aufzunehmen: mit diesem Raum im Osten von Venedig, diesem kleiner Andachtsraum, den Carpaccio mit wuchtigen Gemälden ausgestattet hat.

 

Es war, glaube ich, kurz nach der Entdeckung Amerikas, als die Kartoffel Venedig schon erreicht hatte.

 

Die Auftraggeber waren Ortsfremde, Slawen, Männer, die auf venezianischen Schiffen und in der Werft schufteten. Und was auf den Bildern dargestellt ist, ist eine Befreiung, eine Verwandlung des Rabenschwarzen ihres Lebens, erst in einen gedemütigten Drachen, der enthauptet wird, dann in einen Dämon, der ausgetrieben wird, in einen verletzten Löwen, der in menschliche Obhut genommen wird, und schließlich in ein Hündchen, mit dem man zusammenlebt.

 

Es ist ein spielerischer Umgang mit dem Dunklen: der Drache wird gedemütigt, zusammengestaucht, enthauptet, bleibt aber zurück als Bedrückung, die wie ein Dämon ausgetrieben wird, die sich in einen furchterregenden Löwen verwandelt, dem man sich öffnet, den man in sein Herz lässt und der sich am Ende als Hündchen entpuppt - bevor die Angst einen wieder befällt und alles von vorne beginnt - denn die Bilder hängen in Venedig im Kreis.

 

Was also im Leben bedrängt, bedroht, einem den Boden unter den Füßen entzieht, wird langsam, Schritt für Schritt in Ordnung gebracht - das ist das Hoffnungsfrohe dieses Raumes im Osten von Venedig. Man könnte sich dieses Ordnungschaffen als ein Muster vorstellen, das die Heilung so zusammenfasst, dass man sich daraus ein Kleid nähen könnte oder Vorhänge oder beruhigende Polsterbezüge, ein Muster, reichverschlungen, auf dem man die Transformation als Arabeske dargestellt sieht: Ein "Drache" auf dem Weg zum "Schoßhund", ein Abwandern des dutzende Quadratmeter großen Gemäldezyklus in ein lockeres Jerseykleid, das sich die Zusammenhänge merkt.

 

Solche Stoffe, die sich Zusammenhänge, Stile, Ausdrucks- und Verarbeitungsmodi gemerkt haben, sind es, denen ich meine Grübchen, Falten, Zehen und Achselhöhlen entnehme. Ich kitzle sie mit den Augen hervor und schneide sie dann mit der Schere aus.

 

Carpaccio ist also einer der Hauptstoffe, aus denen ich Teile der Ausstellung herausgeschnitten habe - sein Raum, dieser verträumte, fensterlose, finstere, kleine Andachtsraum im Osten Venedigs, 321 Kilometer von uns entfernt: die Scuola Grande degli Scavoni.

 

Ein zweiter Stoff ist der ebenfalls fensterlose, aber weiße, großzügige, moderne Raum, in dem die Ausstellung stattfindet, der anstelle von Drachen und Prinzessinnen, eine Kassa, eine herrliche Truhe und eine hübsche Treppe zu bieten hat.

 

Wie gesagt, es sind "Tuchfühlungen", die ich präsentiere - mit Ängsten und finsteren Heilungsprozessen im Süden und mit den räumlichen Verhältnissen und familiären Verstrickungen hier, die ebenfalls zu Muster anregen - da ist vor allem die große Truhe, die ernstgenommen und gespiegelt wird, weil sie an bemalte Truhen daheim denken lässt. Sie ist es, die die gegenüberliegende Wand in ihren Bann zieht. Aber nicht nur die braune Truhe, auch die vorhandene Beleuchtung habe ich versucht ins Herz zu schließen, wie Hieronymus den Löwen.

 

Mit Mustern arbeiten, das heißt: mit Wiederholungen arbeiten, mit Vergrößerungen und Verkleinerungen: mit einem Blick hinaus auf die örtlichen Gegebenheiten, auf ein Stück Hausruck, einer Blumenwiese im kommenden Sommer, über der, aufgrund der Druckverhältnisse in einem Museum, wie eine Gewitterwolke ein Mythos hängt, ein Kunstwerk aus dem Süden: Berninis Raub der Proserpina, eine Vorahnung des kommenden Winters, des Rückzugs des Chlorophylls in unterirdische Speicherorgane, Knollen, Zwiebeln. Eine andere Rückkehr zu den Wurzeln also.

 

Hineinverstrickt in diesen Austausch ist Carpaccios über die Welt verstreuter Stephanus-Zyklus: ein Abgesandter offensichtlich der gegenüberliegenden Wand, der sich, wie bei einer Arbeit, die sich mit Mustern beschäftigt, nicht anders zu erwarten, einmischt und mitredet und, passend zu der Flugbahn mit Sternschnuppe, die Geschichte des ersten Märtyrers Stephanus beisteuert, über den ein Steinregen niederging.

 

Und das Muster, das so entsteht, erfasst den Raum wie eine Melodie. Anstelle von Engeln, die unsere Märtyrer sonst begleiten, sind es zwei Feuerwehrmänner, denn auch die Gegenwart will mitspielen in dem Muster, das sich die Treppe hinaufbewegt und den Himmel streift, der sich dem Stephanus geöffnet und der Proserpina verschlossen hat. Danach ein paar „Nacktstücke“, Anspielungen auf die nackten Leiber der entführten Göttin und ihres Entführers, und dann ein Sinnbild des Winters, der über den beiden tobt: ein alter erschöpfter Mann auf einer blauen Säule.

 

Mit anderen Worten: Muster sind mein Ausgangsmaterial und mein Ziel. Es ist ein Kreis. Wie sich auf einem Stoff die Motive eines Musters wiederholen und einen Rapport ergeben, so wiederholen sich rund um die Besucher der Ausstellung die Motive, wird hier und da ein Landschaftsmotiv angestimmt, auf Carpaccio angespielt, aufs Hier und Jetzt. Es ist eine Tradition, auf die ich zurückgreife, die zu der Zeit, als die Kartoffel nach Italien kam, um sich griff und eng mit der antiken Wandmalerei verknüpft ist.

 

Dieser Tradition zu folgen, ist, als würde man Persephone folgen und wie Raffael in eine dunkle Grotte des domus aurea des verrückten Nero hinabsteigen und sich erstaunt umschauen. Was man dort sieht: Ausblicke in Landschaften, schwebende Figuren und Köpfe, eine künstliche Welt berührt die reale.

 

Übrigens: wenn sie auf der Treppe weitergehen, werden sie auf einen sich erstaunt Notizen machenden Raffael stoßen und ganz am Ende, als Ausgang aus der Grotte: einen Osterspaziergang.

 

 

 

 

 

Ausstellung 

Auf Tuchfühlung mit Carpaccio

Galerie Eugen Lendl Graz 2017

 

Auszug aus dem Logbuch meiner Muse vom Donnerstag, den 26. Jänner 8:20:

 

"Lilly ist unruhig und erschöpft, sie will zum Arzt und zum Eugen Lendl nach Graz fahren, sie weiß nicht, ob sie sich ins Bett legen oder Bäume ausreißen soll - ein typisch janusköpfiger Zustand: ein Teil ihres Gehirns schaut nach Graz und in die Zukunft, der andere will in meinen Logbüchern blättern und ausspannen. Als ich mich gewaschen habe, liest sie einen Artikel über Monet. „Meine Bilder“, sagt sie, „sind nicht nur dekorativ. Sie sind mehr.“

Ich überlege, wie ich sie unterstützen kann, inwiefern sie recht hat.

„Dass du mit Stoffen, Stoffresten aus allen möglichen Einsatzbereichen, arbeitest und trotzdem diesen Renaissancebildern so nahe kommst, ohne deine Stoffe zu verstecken, das macht sie mehr als dekorativ - was sie natürlich auch sein müssen. Dass man den Stoffen ansieht, aus welchem Bereich, welcher Öko-Nische sie kommen, und sie trotzdem abbilden, was sie abzubilden haben, und in dem Bildkosmos eine neue Rolle spielen - dieser gleichzeitige Blick nach vor und zurück, dieses Janusköpfige! Einerseits lenken sie den Blick zurück in ihr Herkunftsgebiet, in die Kinderstube, aus der sie stammen, und in die Bereiche, in denen sie gewöhnlich ihr Dasein fristen (als Küchenschürze, Traktorsitz, Schlafzimmervorhang, Dirndlschürze, Kinderbettwäsche, Eckbanküberzug, Abendkleid oder Strandkleid) und andererseits lenken sie den Blick in ein ganz anderes Gebiet, in den Bildraum, den ein venezianischer Maler vor vielen hundert Jahren geschaffen hat, auf ein Stück Hausmauer, einen venezianischen Edelmann, einen sandigen Boden, ein gütiges Gesicht…

Dass diese desperate Truppe in der Lage ist, sich an ein so altes Motiv heranzuschleichen und seine Form anzunehmen! Ohne ihre Herkunft zu verleugnen - dass sie für ganz andere Aufgaben vorgesehen war und es auch gar nicht verbergen will - dass sie im Grunde nichts verloren hat in diesen heiligen Hallen, in denen sie sich so frech tummelt - ich würde sagen, das ist der Kern der Arbeit.“

Als ich durchs Stiegenhaus fröhlich hinunter in mein Büro poltere, denke ich: Es ist auch ein Selbstporträt - jemand, für den ein klassisches Frauenschicksal vorgesehen war mit Küchenschürze, Kinderwäsche, Festtagsdirndl und schmutzabweisendem Eckbankbezug, auf dem ein uninspirierter Ehemann sitzt, dessen Hemden gebügelt werden müssen, hat sich für das Los einer Künstlerin entschieden und platzt ungeniert hinein in das heilige Gespräch der Hüter der symbolischen Ordnung und will frech mitreden. Wenn man das sieht, ist es mehr als ein schönes Bild, das die brave Gattin ihrem Steuerberaterehemann über den Ohrensessel hängt, auf dem er am Abend seine Zeitung liest. Es ist ein Befreiungsakt nach dem Motto Celans - „Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei."

 

Und was sagt das aus über die Art, wie wir die Welt betrachten!

Dass wir immer auch die Welt sehen, aus der wir kommen!

 

Und was bedeutet das für den Arbeitsprozess?

Jeder Stoff, der ausgewählt wird, um ein Stück imaginäres Venedig, wie es sich ein Maler am Ende des 15. Jahrhundert ausgedacht hat, zu repräsentieren, wird selbst auch wieder betrachtet auf die Atmosphäre hin, aus der er kommt, damit diese Atmosphäre auf dem Bild ebenfalls mitredet."

 

Ich schlage das Logbuch zu und denke:

 

Nett, aber trotzdem meldet sich ein Einwand in mir. Denn all das ist meine Realität: Küche, Kind und Ehemann - ein inspirierter und inspirierender zwar, aber doch einer, der es auch genießt, wenn das Frühstück von mir auf den Tisch gestellt wird. Und anders als der Text es suggeriert, besteht meine Befreiung nicht in der Malerei mit Stofffleckerl, sondern in dem körperlichen Genuss, den mir die Ausübung meiner weiblichen Rolle verschafft. Und darin sehe ich den Kern meiner Arbeit: Es ist die Umarmung meiner Welt als Frau und das freche (warum eigentlich freche? - aber ja doch : ) das freche Mitmischen in den heiligen Hallen der männlichen Kunstwelt.