Die Welt der Stoffe

Auszug aus dem Logbuch meines Mannes vom Donnerstag, dem 26. Jänner 2017 8:20:

 

 "Lilly ist unruhig und erschöpft, sie will zum Arzt und zum Eugen Lendl nach Graz fahren, sie weiß nicht, ob sie sich ins Bett legen oder Bäume ausreißen soll - ein typisch janusköpfiger Zustand: ein Teil ihres Gehirns schaut nach Graz und in die Zukunft, der andere will in meinen Logbüchern blättern und ausspannen. Als ich mich gewaschen habe, liest sie einen Artikel über Monet. „Meine Bilder“, sagt sie, „sind nicht nur dekorativ. Sie sind mehr.“

Ich überlege, wie ich sie unterstützen kann, inwiefern sie recht hat.

„Dass du mit Stoffen, Stoffresten aus allen möglichen Einsatzbereichen, arbeitest und trotzdem diesen Renaissancebildern so nahe kommst, ohne deine Stoffe zu verstecken, das macht sie mehr als dekorativ - was sie natürlich auch sein müssen. Dass man den Stoffen ansieht, aus welchem Bereich, welcher Öko-Nische sie kommen, und sie trotzdem abbilden, was sie abzubilden haben, und in dem Bildkosmos eine neue Rolle spielen - dieser gleichzeitige Blick nach vor und zurück, dieses Janusköpfige! Einerseits lenken sie den Blick zurück in ihr Herkunftsgebiet, in die Kinderstube, aus der sie stammen, und in die Bereiche, in denen sie gewöhnlich ihr Dasein fristen (als Küchenschürze, Traktorsitz, Schlafzimmervorhang, Dirndlschürze, Kinderbettwäsche, Eckbanküberzug, Abendkleid oder Strandkleid) und andererseits lenken sie den Blick in ein ganz anderes Gebiet, in den Bildraum, den ein venezianischer Maler vor vielen hundert Jahren geschaffen hat, auf ein Stück Hausmauer, einen venezianischen Edelmann, einen sandigen Boden, ein gütiges Gesicht…

Dass diese desperate Truppe in der Lage ist, sich an ein so altes Motiv heranzuschleichen und seine Form anzunehmen! Ohne ihre Herkunft zu verleugnen - dass sie für ganz andere Aufgaben vorgesehen war und es auch gar nicht verbergen will - dass sie im Grunde nichts verloren hat in diesen heiligen Hallen, in denen sie sich so frech tummelt - ich würde sagen, das ist der Kern der Arbeit.“

Als ich durchs Stiegenhaus fröhlich hinunter in mein Büro poltere, denke ich: Es ist auch ein Selbstporträt - jemand, für den ein klassisches Frauenschicksal vorgesehen war mit Küchenschürze, Kinderwäsche, Festtagsdirndl und schmutzabweisendem Eckbankbezug, auf dem ein uninspirierter Ehemann sitzt, dessen Hemden gebügelt werden müssen, hat sich für das Los einer Künstlerin entschieden und platzt ungeniert hinein in das heilige Gespräch der Hüter der symbolischen Ordnung und will frech mitreden. Wenn man das sieht, ist es mehr als ein schönes Bild, das die brave Gattin ihrem Zahnarztehemann über den Ohrensessel hängt, auf dem er am Abend seine Zeitung liest. Es ist ein Befreiungsakt nach dem Motto Celans - „Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei."

 

Und was sagt das aus über die Art, wie wir die Welt betrachten!

Dass wir immer auch die Welt sehen, aus der wir kommen!

 

Und was bedeutet das für den Arbeitsprozess?

Jeder Stoff, der ausgewählt wird, um ein Stück imaginäres Venedig, wie es sich ein Maler am Ende des 15. Jahrhundert ausgedacht hat, zu repräsentieren, wird selbst auch wieder betrachtet auf die Atmosphäre hin, aus der er kommt, damit diese Atmosphäre auf dem Bild ebenfalls mitredet."

 

Ich schlage das Logbuch zu und denke:

 

Nett, aber trotzdem meldet sich ein Einwand in mir. Denn all das ist meine Realität: Küche, Kind und Ehemann - ein inspirierter und inspirierender zwar, aber doch einer, der es auch genießt, wenn das Frühstück von mir auf den Tisch gestellt wird. Und anders als der Text es suggeriert, besteht meine Befreiung nicht in der Malerei mit Stofffleckerln, sondern in der tiefen Befriedigung, die mir die Ausübung meiner weiblichen Rolle verschafft. Und darin sehe ich den Kern meiner Arbeit: Es ist die Umarmung meiner Welt als Frau und das freche (warum eigentlich freche?) Mitmischen in den heiligen Hallen der männlichen Kunstwelt.

 

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