Pressetexte

Ausstellung - Tuchfühlungen - in Ried im Innkreis 23. März bis 9. Juni 2018

 

            Doppelt solang, als ich male, ist es her, dass ich das Rieder Gymnasium verlassen habe, um in Wien die Schneiderei zu erlernen, die in den Arbeiten, die Sie sehen werden, so unverhofft fröhliche Urständ feiert. Denn ich habe mich, nach Jahren der in Ostberlin erarbeiteten und hauptsächlich von Kokoschka inspirierten Malerei, entschlossen, die Staffelei zwar beizubehalten, aber den Pinsel und die dünnflüssigen Eitempera-Farben sein zu lassen und zu Nadel, Nylonfaden und schwerer Schneiderschere zurückzukehren - um anzuschließen an die bis zu einem selbstgemachten Teddybären zurückreichende Liebe zur Schneiderei. Eine Rückkehr zu den Wurzeln, könnte man sagen.

 

Berge von Stoffen mit unterschiedlichsten Mustern und Ornamenten türmen sich seitdem in meinem Atelier. Aus ihnen schneide ich jetzt die Pinselstriche aus, die ich auf die Leinwand nadle, bevor ich sie meiner alten Bernina-Nähmaschine unterziehe.

 

Angenommen, ich hätte mir nicht die Welt der Stoffe, sondern bemaltes Porzellan, von dem in meiner Kindheit auch viel vorhanden war, zum Ausgangsmaterial genommen, dann hätte ich, anstatt zur Schneiderschere, zu einem Hammer greifen müssen, um aus Scherben Bilder zusammenzufügen, aus Teeservices und heiligen Suppenschüsseln.

 

Ich male mit Stofffleckerln, was nur ein leises Geräusch erzeugt, ein Flüstern und Knistern, und entnehme die Farbflecken, die ich brauche, den Stoffen, die ich gesammelt habe. So als wären alle Pinselstriche in ihnen enthalten und ich bräuchte sie nur herauszuklauben: die Zehen der Proserpina oder die um Hieronymus trauernden Mönche.

 

Ich habe die Arbeiten, die Sie sehen werden, "Tuchfühlungen" genannt.

 

Da ist zunächst Vittore Carpaccio, dem ich mit den unterschiedlichsten Geweben und Mustern auf den Leib rücke, um Kontakt mit ihm aufzunehmen: mit diesem Raum im Osten von Venedig, diesem kleiner Andachtsraum, den Carpaccio mit wuchtigen Gemälden ausgestattet hat.

 

Es war, glaube ich, kurz nach der Entdeckung Amerikas, als die Kartoffel Venedig schon erreicht hatte.

 

Die Auftraggeber waren Ortsfremde, Slawen, Männer, die auf venezianischen Schiffen und in der Werft schufteten. Und was auf den Bildern dargestellt ist, ist eine Befreiung, eine Verwandlung des Rabenschwarzen ihres Lebens, erst in einen gedemütigten Drachen, der enthauptet wird, dann in einen Dämon, der ausgetrieben wird, in einen verletzten Löwen, der in menschliche Obhut genommen wird, und schließlich in ein Hündchen, mit dem man zusammenlebt.

 

Es ist ein spielerischer Umgang mit dem Dunklen: der Drache wird gedemütigt, zusammengestaucht, enthauptet, bleibt aber zurück als Bedrückung, die wie ein Dämon ausgetrieben wird, die sich in einen furchterregenden Löwen verwandelt, dem man sich öffnet, den man in sein Herz lässt und der sich am Ende als Hündchen entpuppt - bevor die Angst einen wieder befällt und alles von vorne beginnt - denn die Bilder hängen in Venedig im Kreis.

 

Was also im Leben bedrängt, bedroht, einem den Boden unter den Füßen entzieht, wird langsam, Schritt für Schritt in Ordnung gebracht - das ist das Hoffnungsfrohe dieses Raumes im Osten von Venedig. Man könnte sich dieses Ordnungschaffen als ein Muster vorstellen, das die Heilung so zusammenfasst, dass man sich daraus ein Kleid nähen könnte oder Vorhänge oder beruhigende Polsterbezüge, ein Muster, reichverschlungen, auf dem man die Transformation als Arabeske dargestellt sieht: Ein "Drache" auf dem Weg zum "Schoßhund", ein Abwandern des dutzende Quadratmeter großen Gemäldezyklus in ein lockeres Jerseykleid, das sich die Zusammenhänge merkt.

 

Solche Stoffe, die sich Zusammenhänge, Stile, Ausdrucks- und Verarbeitungsmodi gemerkt haben, sind es, denen ich meine Grübchen, Falten, Zehen und Achselhöhlen entnehme. Ich kitzle sie mit den Augen hervor und schneide sie dann mit der Schere aus.

 

Carpaccio ist also einer der Hauptstoffe, aus denen ich Teile der Ausstellung herausgeschnitten habe - sein Raum, dieser verträumte, fensterlose, finstere, kleine Andachtsraum im Osten Venedigs, 321 Kilometer von uns entfernt: die Scuola Grande degli Scavoni.

 

Ein zweiter Stoff ist der ebenfalls fensterlose, aber weiße, großzügige, moderne Raum, in dem die Ausstellung stattfindet, der anstelle von Drachen und Prinzessinnen, eine Kassa, eine herrliche Truhe und eine hübsche Treppe zu bieten hat.

 

Wie gesagt, es sind "Tuchfühlungen", die ich präsentiere - mit Ängsten und finsteren Heilungsprozessen im Süden und mit den räumlichen Verhältnissen und familiären Verstrickungen hier, die ebenfalls zu Muster anregen - da ist vor allem die große Truhe, die ernstgenommen und gespiegelt wird, weil sie an bemalte Truhen daheim denken lässt. Sie ist es, die die gegenüberliegende Wand in ihren Bann zieht. Aber nicht nur die braune Truhe, auch die vorhandene Beleuchtung habe ich versucht ins Herz zu schließen, wie Hieronymus den Löwen.

 

Mit Mustern arbeiten, das heißt: mit Wiederholungen arbeiten, mit Vergrößerungen und Verkleinerungen: mit einem Blick hinaus auf die örtlichen Gegebenheiten, auf ein Stück Hausruck, einer Blumenwiese im kommenden Sommer, über der, aufgrund der Druckverhältnisse in einem Museum, wie eine Gewitterwolke ein Mythos hängt, ein Kunstwerk aus dem Süden: Berninis Raub der Proserpina, eine Vorahnung des kommenden Winters, des Rückzugs des Chlorophylls in unterirdische Speicherorgane, Knollen, Zwiebeln. Eine andere Rückkehr zu den Wurzeln also.

 

Hineinverstrickt in diesen Austausch ist Carpaccios über die Welt verstreuter Stephanus-Zyklus: ein Abgesandter offensichtlich der gegenüberliegenden Wand, der sich, wie bei einer Arbeit, die sich mit Mustern beschäftigt, nicht anders zu erwarten, einmischt und mitredet und, passend zu der Flugbahn mit Sternschnuppe, die Geschichte des ersten Märtyrers Stephanus beisteuert, über den ein Steinregen niederging.

 

Und das Muster, das so entsteht, erfasst den Raum wie eine Melodie. Anstelle von Engeln, die unsere Märtyrer sonst begleiten, sind es zwei Feuerwehrmänner, denn auch die Gegenwart will mitspielen in dem Muster, das sich die Treppe hinaufbewegt und den Himmel streift, der sich dem Stephanus geöffnet und der Proserpina verschlossen hat. Danach ein paar „Nacktstücke“, Anspielungen auf die nackten Leiber der entführten Göttin und ihres Entführers, und dann ein Sinnbild des Winters, der über den beiden tobt: ein alter erschöpfter Mann auf einer blauen Säule.

 

Mit anderen Worten: Muster sind mein Ausgangsmaterial und mein Ziel. Es ist ein Kreis. Wie sich auf einem Stoff die Motive eines Musters wiederholen und einen Rapport ergeben, so wiederholen sich rund um die Besucher der Ausstellung die Motive, wird hier und da ein Landschaftsmotiv angestimmt, auf Carpaccio angespielt, aufs Hier und Jetzt. Es ist eine Tradition, auf die ich zurückgreife, die zu der Zeit, als die Kartoffel nach Italien kam, um sich griff und eng mit der antiken Wandmalerei verknüpft ist.

 

Dieser Tradition zu folgen, ist, als würde man Persephone folgen und wie Raffael in eine dunkle Grotte des domus aurea des verrückten Nero hinabsteigen und sich erstaunt umschauen. Was man dort sieht: Ausblicke in Landschaften, schwebende Figuren und Köpfe, eine künstliche Welt berührt die reale.

 

Übrigens: wenn sie auf der Treppe weitergehen, werden sie auf einen sich erstaunt Notizen machenden Raffael stoßen und ganz am Ende, als Ausgang aus der Grotte: einen Osterspaziergang.

 

 

Ausstellung - Auf Tuchfühlung mit Carpaccio - Galerie Eugen Lendl Graz 2017

 

Auszug aus dem Logbuch meines Mannes vom Donnerstag, dem 26. Jänner 8:20:

 

"Lilly ist unruhig und erschöpft, sie will zum Arzt und zum Eugen Lendl nach Graz fahren, sie weiß nicht, ob sie sich ins Bett legen oder Bäume ausreißen soll - ein typisch janusköpfiger Zustand: ein Teil ihres Gehirns schaut nach Graz und in die Zukunft, der andere will in meinen Logbüchern blättern und ausspannen. Als ich mich gewaschen habe, liest sie einen Artikel über Monet. „Meine Bilder“, sagt sie, „sind nicht nur dekorativ. Sie sind mehr.“

Ich überlege, wie ich sie unterstützen kann, inwiefern sie recht hat.

„Dass du mit Stoffen, Stoffresten aus allen möglichen Einsatzbereichen, arbeitest und trotzdem diesen Renaissancebildern so nahe kommst, ohne deine Stoffe zu verstecken, das macht sie mehr als dekorativ - was sie natürlich auch sein müssen. Dass man den Stoffen ansieht, aus welchem Bereich, welcher Öko-Nische sie kommen, und sie trotzdem abbilden, was sie abzubilden haben, und in dem Bildkosmos eine neue Rolle spielen - dieser gleichzeitige Blick nach vor und zurück, dieses Janusköpfige! Einerseits lenken sie den Blick zurück in ihr Herkunftsgebiet, in die Kinderstube, aus der sie stammen, und in die Bereiche, in denen sie gewöhnlich ihr Dasein fristen (als Küchenschürze, Traktorsitz, Schlafzimmervorhang, Dirndlschürze, Kinderbettwäsche, Eckbanküberzug, Abendkleid oder Strandkleid) und andererseits lenken sie den Blick in ein ganz anderes Gebiet, in den Bildraum, den ein venezianischer Maler vor vielen hundert Jahren geschaffen hat, auf ein Stück Hausmauer, einen venezianischen Edelmann, einen sandigen Boden, ein gütiges Gesicht…

Dass diese desperate Truppe in der Lage ist, sich an ein so altes Motiv heranzuschleichen und seine Form anzunehmen! Ohne ihre Herkunft zu verleugnen - dass sie für ganz andere Aufgaben vorgesehen war und es auch gar nicht verbergen will - dass sie im Grunde nichts verloren hat in diesen heiligen Hallen, in denen sie sich so frech tummelt - ich würde sagen, das ist der Kern der Arbeit.“

Als ich durchs Stiegenhaus fröhlich hinunter in mein Büro poltere, denke ich: Es ist auch ein Selbstporträt - jemand, für den ein klassisches Frauenschicksal vorgesehen war mit Küchenschürze, Kinderwäsche, Festtagsdirndl und schmutzabweisendem Eckbankbezug, auf dem ein uninspirierter Ehemann sitzt, dessen Hemden gebügelt werden müssen, hat sich für das Los einer Künstlerin entschieden und platzt ungeniert hinein in das heilige Gespräch der Hüter der symbolischen Ordnung und will frech mitreden. Wenn man das sieht, ist es mehr als ein schönes Bild, das die brave Gattin ihrem Zahnarztehemann über den Ohrensessel hängt, auf dem er am Abend seine Zeitung liest. Es ist ein Befreiungsakt nach dem Motto Celans - „Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei."

 

Und was sagt das aus über die Art, wie wir die Welt betrachten!

Dass wir immer auch die Welt sehen, aus der wir kommen!

 

Und was bedeutet das für den Arbeitsprozess?

Jeder Stoff, der ausgewählt wird, um ein Stück imaginäres Venedig, wie es sich ein Maler am Ende des 15. Jahrhundert ausgedacht hat, zu repräsentieren, wird selbst auch wieder betrachtet auf die Atmosphäre hin, aus der er kommt, damit diese Atmosphäre auf dem Bild ebenfalls mitredet."

Ich schlage das Logbuch zu und denke:

 

Nett, aber trotzdem meldet sich ein Einwand in mir. Denn all das ist meine Realität: Küche, Kind und Ehemann - ein inspirierter und inspirierender zwar, aber doch einer, der es auch genießt, wenn das Frühstück von mir auf den Tisch gestellt wird. Und anders als der Text es suggeriert, besteht meine Befreiung nicht in der Malerei mit Stofffetzen, sondern in der tiefen Befriedigung, die mir die Ausübung meiner weiblichen Rolle verschafft. Und darin sehe ich den Kern meiner Arbeit: Es ist die Umarmung meiner Welt als Frau und das freche (warum eigentlich freche?) Mitmischen in den heiligen Hallen der männlichen Kunstwelt.