Die Welt der Stoffe

Auszug aus dem Logbuch meines Mannes vom Donnerstag, dem 26. Jänner 2017 8:20:

 

 "Lilly ist unruhig und erschöpft, sie will zum Arzt und zum Eugen Lendl nach Graz fahren, sie weiß nicht, ob sie sich ins Bett legen oder Bäume ausreißen soll - ein typisch janusköpfiger Zustand: ein Teil ihres Gehirns schaut nach Graz und in die Zukunft, der andere will in meinen Logbüchern blättern und ausspannen. Als ich mich gewaschen habe, liest sie einen Artikel über Monet. „Meine Bilder“, sagt sie, „sind nicht nur dekorativ. Sie sind mehr.“

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Stoff für eine Stola

 

Als der Verkäufer neben mir mit einer Kundin nach einem Stoff für eine Stola suchte und sie nicht fündig wurden, zeigte er ihr zum Spaß diesen Jersey für einen Pyjama - und sie griff sofort zu!

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Festliche Anlässe

 

Für Leute, denen es gern schwummrig wird bei festlichen Anlässen. Das hier wäre eine Möglichkeit, Spitze zu tragen, ohne die Bodenhaftung zu verlieren.

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Der kommende Muttertagskaffee

 

Ein tapferer 12-Jähriger erzählt mir, dass er aus diesem Stoff selbst ein Tischtuch nähen will für den kommenden Muttertagskaffee, weil er im letzten Jahr mit seinem Geschenk enttäuscht hat. Ich gestehe, dass ich in seinem Alter einmal sogar vollkommen auf den Tag vergessen habe, und er schaut mich voller Mitleid an.

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Kekse aus Knetmasse

 

Dieses Wachstuch breitet man am besten über ein Kindertischchen, das man zu sich in die Küche stellt, damit die Kleinen beim Kochen neben einem aus Knetmasse ihre Kekse backen können.

Beim Aufräumen

 

Was man beim Aufräumen in den hintersten Winkeln so alles findet: Hunderte Ersatzteile für unmodische Hosenträger; staubige Weihnachts-Sprays und, versteckt unter einem Berg von Ladenhütern, einen Vogel, der vielleicht schon ausgestorben ist.

 

 

 

 

 

 

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Globalisierungsgegner

 

Wir haben natürlich auch Gustostückerl vorrätig für unsere Freunde aus dem Lager der Globalisierungsgegner, denen es leid tut, dass die blonde Walküre gestern in Frankreich verloren hat, z.B. diesen heroischen Möbelstoff mit germanischem Eichenlaubmuster. 

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Robuste Jacke

 

Manchmal fühlt man sich zerbrechlich und klein und da wäre eine robuste Jacke ideal, wie sie einer Märchenfigur - z.B. dem Däumling - gut zu Gesicht stehen würde, eventuell aus diesem Stoff, der zwar für Polstermöbel vorgesehen ist, aber vielleicht ließe sich das irgendwie machen.

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Freude am Segeln

 

Wie man die Kinder teilhaben lässt an den Einblicken, die man gewonnen hat? Mit passenden Geschenken! Hier wäre z.B. ein Baumwolle-Jersey, mit dem sich herrlich die Freude am Segeln vermitteln und weitergeben lässt.

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Schaumsöszchen

 

Bei diesem Baumwollstoff habe ich an eine Frau denken müssen in einem feinen Restaurant, der gerade Schaumsöszchen an der Täubchenleber serviert wird.

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Gardinenpredigt

 

"Wenn jetzt nicht bald jemand auf dich aufmerksam wird, schneide ich dir die Bleikante ab und stecke dich als Spitze zu den gestreiften Jerseys. Ich werd dir schon helfen!"

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Ab zu den gestreiften Jerseys

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Phönix aus der Asche

 

Man flucht, die Frühjahrsmüdigkeit sitzt einem in den Knochen, man sehnt sich nach einem Jungbrunnen, sieht Knochenblumen im Farbenrausch, denkt "Phönix aus der Asche" und hat gefunden, was man sucht (einen hübsch bedrucken Baumwollbatist).

 

 

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Die schönste Zeit deiner Nähkarriere

 

Ein Baumwolljersey für ein kleines T-Shirt, eine noch kleinere Strampelhose oder, wenn du sie gar nicht erwarten kannst, die schönste Zeit deiner Nähkarriere - für die Schutzhülle des Mutter-Kind-Passes!

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Champagner

 

Manche sind blind und lassen sich nicht bezaubern: man zeigt ihnen Tischwäsche, strahlend weiß, Champagner, sandfarben, und sie sehen nebelweiß, winterweiß und überreifen Camembert und wenden sich angewidert ab, als hätte man ihnen die drei Graien gezeigt, die als Greisinnen auf die Welt gekommen sind und sich zusammen einen Zahn und ein Auge teilen.

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Jersey und Tüll

 

Als Medizin gegen diesen kalten Frühling hätte ich vorzuschlagen:

Eulen unter Erdbeeren - für ein Sommerkleid aus Jersey und Tüll.


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Ein Hauch von Côte d'azur

 

Diese Kletterpflanze aus dem Urwald, deren Blätter in der Höhe kleine Luken ausbilden, sozusagen die Fenster aufreißen, um die Sonne nach unten durchzulassen, war die letzte große Liebe von Henri Matisse. Wer also in seiner Kirche oder auf seiner Couch einen Hauch von Côte d'Azur verbreiten will, mit diesem Baumwolle-Stoff ging's.


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Getöse

 

Letzte Woche, als unser Haus ächzte und stöhnte im Schneesturm und ich zu diesem Stoff griff, erinnerten mich seine Blumen an Windräder. Und an Marilyn Monroes Kleid über dem U-Bahn-Schacht, das immer wieder mit Getöse hochgewirbelt wird.

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Polyesterschürze

 

An die Frau, die nach dem elastischen Polyester sucht, aus dem man vor 50 Jahren Schürzen gemacht hat: dieser Stoff ist zwar nur aus elastischer Öko-Baumwolle und frisch hereingekommen, aber es steht Tante Emma mit einem M am Rand, was zeitlich genauso passen würde wie das fröhlich rückwärtsgewandte Muster. Wie wär's damit?

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Kühle Baumwolle

 

In Natura sind mir solche knallbunten Korallen zu unheimlich. Da hätte ich ständig das Gefühl, dass hinter mir ein Haifisch steht. Aber als Pyjama aus kühler Baumwolle wär's ein Triumph!

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Schneestürme im April

 

Ein grauer Möbelstoff für Melancholiker, denkt man, für Menschen, die Schneestürme im April mögen - aber wer den größten Renaissancepalast in Rom besucht, wird feststellen, dass die Wände in den noblen Gängen von ebendiesem Muster überzogen sind.


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Crashkurs

 

Eine Mutter mit Sohn nähert sich. "Auweh", denke ich, "die sind auf Crashkurs, sie hat viel zu hoch angesetzt!" Die Erwartungen zerschellen im Mittelgang oder werden zumindest arg zerbeult - es kracht, dann aber reißt sie ihre Maschine hoch und fliegt mit einem Baumwoll-Sweater für den Wonneproppen hinaus in den gar nicht so grauen Nachmittag.

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Apropos Aprilwetter

 

Solltet ihr euch Sorgen gemacht haben um den Blauglockenbaum vor unserer Eingangstür: Er ist in guten weichen Händen - dafür kann man das Polstervlies nämlich auch verwenden.

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Erdig und wolkig

Es dauert zwar noch 10 Tage, aber bei manchen spukt sie schon durch alle Glieder, die herrliche Walpurgisnacht. Wer's also nicht mehr aushält: Hier ist ein Stoff für eine düstere Nebeljacke mit prächtigen Geistermotiven.

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Der Ausbrenner

 

Versunkenes Aufräumen nach einem Ansturm. Der Blick fällt auf einen auschgrauvioletten Dornröschenstoff im untersten Regal.

"Alte Schachtel", denkt man, zieht ihn hervor und hält ihn ans Licht - "Aber Hallöchen!"

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Wissen, woran wir sind.

 

Die alten Römer haben den Flug der Vögel studiert, wenn sie wissen wollten, woran sie sind - oder sie haben in ihren Eingeweiden gestochert. Wenn wir es wissen wollen, nehmen wir einen Stofffaden. Wir zünden ihn an und beobachten, wie sich die Flamme seiner bemächtigt und ob das Klümpchen, das zurückbleibt, sich zwischen den Fingern zerreiben lässt oder nicht. Wir führen eine Brennprobe durch. Dann wissen wir, woran wir sind.

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Autofahren

 

Als ich auf dem Weg zur Füllwatte an diesem Baumwolljersey vorbeikomme, muss ich an die L-17 Fahrt mit meinem Sohn nach Seewinkel denken, auf der der 16-Jährige zu mir sagte: "Hätte mir nicht gedacht, dass Autofahren noch einmal so spannend werden kann."

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Die Welt der Stoffe

Auszug aus dem Logbuch meines Mannes vom Donnerstag, dem 26. Jänner 2017 8:20:

 

 "Lilly ist unruhig und erschöpft, sie will zum Arzt und zum Eugen Lendl nach Graz fahren, sie weiß nicht, ob sie sich ins Bett legen oder Bäume ausreißen soll - ein typisch janusköpfiger Zustand: ein Teil ihres Gehirns schaut nach Graz und in die Zukunft, der andere will in meinen Logbüchern blättern und ausspannen. Als ich mich gewaschen habe, liest sie einen Artikel über Monet. „Meine Bilder“, sagt sie, „sind nicht nur dekorativ. Sie sind mehr.“

Ich überlege, wie ich sie unterstützen kann, inwiefern sie recht hat.

„Dass du mit Stoffen, Stoffresten aus allen möglichen Einsatzbereichen, arbeitest und trotzdem diesen Renaissancebildern so nahe kommst, ohne deine Stoffe zu verstecken, das macht sie mehr als dekorativ - was sie natürlich auch sein müssen. Dass man den Stoffen ansieht, aus welchem Bereich, welcher Öko-Nische sie kommen, und sie trotzdem abbilden, was sie abzubilden haben, und in dem Bildkosmos eine neue Rolle spielen - dieser gleichzeitige Blick nach vor und zurück, dieses Janusköpfige! Einerseits lenken sie den Blick zurück in ihr Herkunftsgebiet, in die Kinderstube, aus der sie stammen, und in die Bereiche, in denen sie gewöhnlich ihr Dasein fristen (als Küchenschürze, Traktorsitz, Schlafzimmervorhang, Dirndlschürze, Kinderbettwäsche, Eckbanküberzug, Abendkleid oder Strandkleid) und andererseits lenken sie den Blick in ein ganz anderes Gebiet, in den Bildraum, den ein venezianischer Maler vor vielen hundert Jahren geschaffen hat, auf ein Stück Hausmauer, einen venezianischen Edelmann, einen sandigen Boden, ein gütiges Gesicht…

Dass diese desperate Truppe in der Lage ist, sich an ein so altes Motiv heranzuschleichen und seine Form anzunehmen! Ohne ihre Herkunft zu verleugnen - dass sie für ganz andere Aufgaben vorgesehen war und es auch gar nicht verbergen will - dass sie im Grunde nichts verloren hat in diesen heiligen Hallen, in denen sie sich so frech tummelt - ich würde sagen, das ist der Kern der Arbeit.“

Als ich durchs Stiegenhaus fröhlich hinunter in mein Büro poltere, denke ich: Es ist auch ein Selbstporträt - jemand, für den ein klassisches Frauenschicksal vorgesehen war mit Küchenschürze, Kinderwäsche, Festtagsdirndl und schmutzabweisendem Eckbankbezug, auf dem ein uninspirierter Ehemann sitzt, dessen Hemden gebügelt werden müssen, hat sich für das Los einer Künstlerin entschieden und platzt ungeniert hinein in das heilige Gespräch der Hüter der symbolischen Ordnung und will frech mitreden. Wenn man das sieht, ist es mehr als ein schönes Bild, das die brave Gattin ihrem Zahnarztehemann über den Ohrensessel hängt, auf dem er am Abend seine Zeitung liest. Es ist ein Befreiungsakt nach dem Motto Celans - „Geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setze dich frei."

 

Und was sagt das aus über die Art, wie wir die Welt betrachten!

Dass wir immer auch die Welt sehen, aus der wir kommen!

 

Und was bedeutet das für den Arbeitsprozess?

Jeder Stoff, der ausgewählt wird, um ein Stück imaginäres Venedig, wie es sich ein Maler am Ende des 15. Jahrhundert ausgedacht hat, zu repräsentieren, wird selbst auch wieder betrachtet auf die Atmosphäre hin, aus der er kommt, damit diese Atmosphäre auf dem Bild ebenfalls mitredet."

 

Ich schlage das Logbuch zu und denke:

 

Nett, aber trotzdem meldet sich ein Einwand in mir. Denn all das ist meine Realität: Küche, Kind und Ehemann - ein inspirierter und inspirierender zwar, aber doch einer, der es auch genießt, wenn das Frühstück von mir auf den Tisch gestellt wird. Und anders als der Text es suggeriert, besteht meine Befreiung nicht in der Malerei mit Stofffleckerln, sondern in der tiefen Befriedigung, die mir die Ausübung meiner weiblichen Rolle verschafft. Und darin sehe ich den Kern meiner Arbeit: Es ist die Umarmung meiner Welt als Frau und das freche (warum eigentlich freche?) Mitmischen in den heiligen Hallen der männlichen Kunstwelt.

 

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